Donnerstag, 18. Dezember 2014

Bedürfnisorientiertes Familienleben: siebter Teil

Ressourcenknappheit 


In letzter Zeit stoße ich mit meiner Geduld leider sehr oft an meine Grenzen. Ich weiß noch nicht genau, woran das liegt. Aber ich habe in meiner Zeit als Mutter gelernt, dass ich die Ursache bei mir suchen muss. Denn wenn ich es nicht schaffe meinem geliebten Kind gegenüber emphatisch zu sein, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass eines meiner wichtigen Bedürfnisse zu kurz kommt oder dass ich ihre Bedürfnisse nicht richtig erkenne und sie folglich ungewollt zu kurz kommt.

Dies wurde mir wieder klar als ich am Montag mit einem guten Freund über die Schwierigkeiten des bedürfnisorientierten Familienlebens sprach. Dabei klingt es in der Theorie gar nicht so schwer: Man nehme die Bedürfnisse aller Familienmitglieder wahr, überlege, wie sie erfüllt werden können und wäge ab, welche im Konfliktfall zurückstehen müssen.
In der Praxis muss ich aber gleich mehrere Hürden nehmen.

Bedürfnis oder Lust?


Zeit für mich! Manchmal ein dringendes Bedürfnis.
Nicht jeder geäußerte Wunsch entspringt einem echten Bedürfnis. Manche Dinge brauchen wir. Dazu gehören: Schlaf, Essen, Bewegung, Lernen, Geborgenheit, Sicherheit, Zärtlichkeit, Selbstverwirklichung. Dann gibt es Dinge auf die wir Lust haben, wie: Schokolade, Spielen, Nähen, Matschen oder alles auf den Boden pfeffern.

Allerdings kann etwa auch Matschen ein Bedürfnis sein, denn wir brauchen es vielleicht als Erfahrung, um zu lernen oder uns als Person weiterzuentwickeln. Auf der anderen Seite kann ich Lust haben, zu kuscheln, aber es ist in diesem Moment kein dringendes Bedürfnis.

Es ist also unter Umständen gar nicht so leicht, zu erkennen, was gerade gebraucht und was gewollt wird. Trotzdem klappt das in den meisten Fällen ziemlich gut. Ich habe mittlerweile Übung darin und kann mich zunehmend auf mein Bauchgefühl verlassen.

Die eigenen Ressourcen


Mein Bauchgefühl leidet allerdings, wenn meine Ressourcen knapp werden. Denn ganz ehrlich: Meine Empathiefähigkeit nimmt einfach ab, wenn ich zu wenig schlafe, kränklich bin und viel Stress habe. Wenn ich mit meinen Bedürfnissen zu oft auf der Strecke bleibe, dann kann ich auch für mein Kind nicht mehr so da sein wie ich es mir wünsche. Frust kann ich dann auch schlechter ertragen - egal, ob meinen oder ihren.

Wer leidet mehr?


Nehmen wir an, ich habe erkannt, welche Bedürfnisse gerade erfüllt werden wollen. Dann muss ich entscheiden, wer mehr leidet, wenn sein Bedürfnis nicht oder erst später erfüllt wird. Bei einem Baby ist das noch leicht, da es noch keine Bedürfnisse aufschieben kann. Es wird also immer stärker leiden als der Erwachsene. Mit diesem Wissen konnte ich ganz leicht ein hohes Maß an Empathie aufbringen und mich ohne allzu großen Frust zurücknehmen. Jetzt ist meine Tochter aber schon zwei und ich bin nicht bereit, meine Bedürfnisse immer hintanzustellen. Und das ist auch gut so, da sie dadurch langsam und dosiert lernt, mit Frust umzugehen. Wir unterstützen sie natürlich dabei, indem wir sie trösten und sie ernst nehmen.

Mehr Bedürfnisse als Ressourcen?


Nun ist es gemeiner Weise so, dass gerade in den Zeiten, wenn die Bedürfnisse meiner Tochter sehr stark sind, meine Ressourcen abnehmen. Wenn sie gerade einen Entwicklungsschub hat, dann schlafen wir unter Umständen schlecht oder wenn sie krank ist, bin ich eventuell auch angeschlagen. Mein Mann, der ein ganz toller Papa ist, fängt da trotz Vollzeitarbeit sehr viel auf. Manchmal so viel, dass ich wieder Angst bekomme, dass er sich dabei vergisst. Und doch es gibt Phasen, da scheint es viel mehr Bedürfnisse als Ressourcen zu geben. Das führt zu Frust auf allen Seiten. Dabei hätte mein harmoniesüchtiges Ich doch genau dann so gerne ganz viel Flausch!

Wie komme ich zurück zum Flausch?


Mir hilft es, die Situation anzunehmen wie sie ist, statt mir noch mehr Stress zu machen, weil ich vielleicht falsch reagiert habe. Ich denke, dass meine Tochter keine schönere Kindheit hat, wenn ich sie mit Schuldgefühlen fülle. Ich finde, ich mache ganz viel richtig, lerne dazu und übernehme Verantwortung. Manchmal sieht das so aus, dass ich alle To-Dos streiche und zu einer Freundin zum Kaffee gehe. Denn Fakt ist: Manchmal geht es nicht ohne Hilfe von außen, ohne unsere Freunde, die uns mit Rat und Tat unterstützen, die Anlaufstelle für uns sind, wenn wir raus müssen und die Ohr und Herz leihen. Und natürlich ohne unsere Familie, die uns ebenfalls nach ihren Möglichkeiten unterstützt.


Ist das alles nicht zu anstrengend?


Es ist anstrengend, ja, aber zeigt mir eine Familie, unerzogen oder autoritär, bedürfnisorientiert oder hierarchisch, in der es nicht anstrengend ist. Die gibt es nicht! Das Leben, unsere Beziehung, die Entwicklung unseres Selbst ist anstrengend. Nur weil wir versuchen, unseren Weg friedvoll und mit Respekt füreinander zu beschreiten, haben wir es nicht schwerer als andere. Ich persönlich denke sogar, dass wir es am Ende leichter haben und es vor allem mehr genießen.

Jetzt genießen wir zusammen drei Wochen Urlaub, mit Weihnachtsflausch, Familienbesuch und viel Zeit zum Auftanken.

Eure Julia aus der guten Kinderstube



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